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NHL Observer

Nach gut einem Viertel der Saison zeigt sich die NHL so ausgeglichen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Mannschaften, die noch vor einem Jahr am Tabellenende standen, kämpfen um Playoff-Plätze. Einer der Gründe: Die Generation von Ausnahmetalenten wirbelt die etablierte Ordnung durcheinander.

Speziell einige Statistiken zeigen den Trend zur Ausgeglichenheit der Liga überdeutlich: In beiden Conferences trennen die Teams an der Tabellenspitze und jene unter dem Wild-Card-Trennstrich oft nur wenige Punkte voneinander. Über Wochen hinweg halten die meisten Mannschaften mindestens eine 50%-Quote aufrecht und selbst Niederlagenserien warf sie nicht entscheidend in der Tabelle zurück – ein historisch seltenes Phänomen, das die neue Parität der Liga unterstreicht. Zumal viele Teams auch nach so genannten Resultatkrisen danach Serien mit siegreichen Spielen starteten (zum Beispiel die Boston Bruins). Ausserdem: 75 Prozent aller Spiele enden diese Saison mit einem Tor Unterschied oder mit zwei Toren, wenn ein Empty-Net-Treffer involviert ist. Ebenfalls über 75 Prozent aller Tore fallen bei 5-gegen 5 – das ist statistisch die höchste Quote seit vielen Jahren. 

Kader-Balance und 5-gegen-5 

Die Kadertiefe und taktische Disziplin im 5-gegen-5-Spiel sind derzeit die entscheidenden Faktoren. Dieser Aspekt kommt Mannschaften entgegen, die auf Tempo und Technik setzen. Und da kommen die jungen Spieler – seien es jene in einer dritten NHL-Saison oder Sophomore Season - wie auch Rookies ins Spiel, die aktuell noch viel früher als je zuvor eine Schlüsselrolle in ihren Teams übernehmen. Besonders Spieler in ihrem zweiten Jahr machen den entscheidenden Entwicklungsschritt: Macklin Celebrini führt die Sharks-Skorerliste klar an und hat zudem eine Plus-Bilanz. Connor Bedard ist ebenfalls der unangefochtene Scoring-Leader in seinem Team – ebenfalls mit einer klaren Plus-Bilanz. Und auch Leo Carlsson ist einer der Topscorer innerhalb des Teams. Erwartungsgemäss sind derweil die Rollen und Leistungen der Montrèal-Canadiens-Jungstars Lane Hutson (21 Jahre, 2. NHL-Jahr, Calder-Trophy-Gewinner 2025) und Ivan Demidov (führt die Rookie-Scorerliste an vor dem erstaunlichen Beckett Senneke/Anaheim Ducks).  Auch Matthew Schaefer (18 Jahre, New York Islanders, Rookie) hat grossen Einfluss auf die Erfolge seiner Mannschaft: Der erste Overall-Pick von 2025 ist in den Top 3 bei den Rookies in Sachen Punkten. Der Verteidiger etablierte sich sofort als Schlüsselspieler der Islanders und ist einer der Favoriten für die Calder Trophy. 

Strukturelle Gründe

Natürlich hat die Ausgeglichenheit auch strukturelle Gründe: Der neue Collective Bargaining Agreement schafft noch günstigere Bedingungen für Parität als zuvor. Die Franchises haben zudem ihre Scouting- und Entwicklungsarbeit ausgebaut. Junge Talente werden heute schneller und gezielter integriert und ihre Entwicklung noch professioneller begleitet.

Immer mehr Parität – nur ein Trend?

Die aktuelle Ausgeglichenheit ist ein Trend. Bereits in der Vorsaison 2024/25 war das Playoff-Rennen das umkämpfteste seit Jahren. Mehr als ein Dutzend Teams im Wild-Card-Rennen hatten rechnerisch bis zwei Wochen vor Saisonende Playoff-Chancen. Die Leistungsdichte hat weiter zugenommen, die Unterschiede zwischen vermeintlichen Spitzenteams und Rebuilding-Kandidaten werden geringer. 

Ist diese Ausgeglichenheit eine Momentaufnahme? Historisch gesehen qualifizieren sich rund 75 Prozent der Teams, die zu Thanksgiving Ende November auf einem Playoff-Platz stehen, tatsächlich auch für die Postseason. Das ist jedoch nur eine statistisch belegte Angelegenheit. Denn speziell in dieser Saison werden zu diesem Zeitpunkt gleich mehr als ein Dutzend Teams in den jeweiligen Conferences nur wenige Punkte in der Tabelle auseinander liegen. Ausserdem: Die St. Louis Blues in ihrem Stanley-Cup-Jahr 2019, die Edmonton Oilers vor zwei Jahren und die Montréal Canadiens letzte Saison haben jeweils im Dezember und nach dem Jahreswechsel das Feld von hinten aufgerollt und sich in die Playoffs gespielt. Ausnahmen bestätigen also die Regel (nicht). 

Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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