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NHL Observer

Grosse Sportstadien in der Peripherie - in den 80er- und 90er-Jahren galt es als hipp und pragmatisch, sich mit NFL-, MLB-, NBA- und auch in NHL-Sportstätten ausserhalb der urbanen Gebiete zu etablieren. Es gab genug Platz und günstiges Bauland. Aber bald zeigte sich bei vielen, dass dieser Weg kein nachhaltiger war. Auch bei den Ottawa Senators, als man ins Corel Centre (heute Canadian Tire Centre) nach Kanata zog. Ein fast verhängnisvoller Fehler!

Die Ottawa Senators stehen an einem strukturellen Wendepunkt. Sportlich zeigte die Tendenz zuletzt klar nach oben. Aber: Seit Jahren kämpfen sie um eine tragfähigere wirtschaftliche und strukturelle Basis. Mit dem geplanten Bau einer Arena im Stadtzentrum im Quartier LeBreton Flats eröffnet sich nun die Chance, sich endlich aus der ungeliebten Peripherie Kanata - einer schwer erreichbaren Vorstadt-Location -  zu entfernen und im Herzen der Hauptstadt neu positionieren.

Unattraktiv für das Standortmarketing

Denn auch sie erlagen damals in den 90er-Jahren dem Trend, ihre Sportarena in der Peripherie zu etablieren. Aber bald zeigte sich bei vielen, dass dieser Weg kein nachhaltiger war. Aber warum hatte man sich für Kanata entschieden? Ganz einfach, weil dort Land günstig verfügbar war und ein Finanzierungskonzept über Grundstücksentwicklung existierte. Es wurde jedoch schnell deutlich, dass der Standort – rund 25 Kilometer von Ottawas Innenstadt entfernt - hochproblematisch und äusserst unattraktiv ist. Die Halle lag abseits, schwer erreichbar mit dem ÖV und ohne urbane Anbindung. Zuschauerzahlen und die Bindung zur Innenstadt blieben hinter den Erwartungen zurück. Spontanbesuche aus der Innenstadt waren kaum möglich und das “Erlebnis Stadt“ fehlte im Stadtmarketing. Besucher fuhren nach dem Spiel einfach nach Hause, anstatt Gastronomie und Kultur in der Umgebung zu nutzen.

Customer Journey und Wertschöpfungsketten als strategische Priorität

Moderne Franchises setzen heute auf urbane Standorte, eingebettet in gemischte Stadtquartiere, wo Wertschöpfungsmöglichkeiten entstehen. Genau dieser Trend machte Kanata für die Senators in hohem Masse unattraktiv. Und so ist das neue Stadionprojekt zur höchsten strategischen Priorität gereift. Ein neuer Schritt in die richtige Richtung wurde nun vollzogen:  Die Ottawa Senators haben mit der National Capital Commission (NCC) den Kaufvertrag für ein Grundstück im Stadtquartier LeBreton Flats unterzeichnet. Der Deal ist mehr als ein Immobiliengeschäft. Mit dem geplanten Veranstaltungszentrum und einer gemischten Nutzung aus Wohnen, Arbeiten und Freizeit wird er zu einem zentralen Baustein der umfassenden Neugestaltung von LeBreton Flats – und zum Signal für die sportliche wie wirtschaftliche Zukunft der Franchise. Die Vereinbarung umfasst ein Areal von rund 4,5 Hektar. Der Kaufpreis beträgt etwas über 30 Millionen US-Dollar. Die neue Halle soll multifunktional nutzbar sein und auch Konzerte, Shows und Firmenveranstaltungen aufnehmen können. Die Stadt Ottawa hat betont, dass keine Steuergelder in das Projekt fliessen werden. Die Finanzierung erfolgt durch den Club und Partner aus der Immobilien- und Entwicklungswirtschaft. Neben Ticketverkäufen dürften Immobilienerlöse, Gastronomieumsätze und Naming Rights eine tragende Rolle zur Finanzierung spielen. In den kommenden Jahren sind weitere Planungsschritte vorgesehen; ein Umzug in die neue Arena wird im kommenden Jahrzehnt erwartet.

Eines der Vorbilder für den Umschwung: Ice District in Edmonton

Bisher stützt sich das Geschäftsmodell mit dem Stadion in Kanata fast ausschliesslich auf den Spielbetrieb. Ein antiquiertes Konzept. Mit einem integrierten Quartier entstehen zusätzliche, Wertschöpfungsquellen bis hin zu Event-Partnerschaften. Zudem wird die zentrale Lage mehr Zuschauer, Sponsoren und Touristen anziehen. Vergleichbare Projekte in Nordamerika zeigen die Möglichkeiten: In Columbus entwickelte sich rund um die Nationwide Arena ein lebendiger Arena District. In Edmonton wurde mit dem Ice District ein neues urbanes Zentrum geschaffen, das heute als eines der erfolgreichsten Stadtentwicklungsprojekte Kanadas gilt.

Statement und Identitätsanker für die Fans

Für die Anhänger der Senators bedeutet der Umzug mehr als bessere Erreichbarkeit. Er ist ein klares Bekenntnis: Der Club bleibt in Ottawa – und zwar sichtbar, zentral und dauerhaft verankert. Die jahrelangen Spekulationen über eine mögliche Verlagerung in eine andere Stadt verlieren damit ihre Grundlage. Mit der Rückkehr in die Playoffs 2024/25 hat die Mannschaft sportlich ein Ausrufezeichen gesetzt. Jetzt müssen auch strukturelle Erfolge folgen. Die Arena im LeBreton Flats ist deshalb langfristig betrachtet die Überlebensgarantie und der Wachstumsmotor, ein Stadtentwicklungsprojekt und Identitätsanker zugleich.

Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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